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 Betreff des Beitrags: Verständnis antiker Menschen
BeitragVerfasst: 21. Nov 2012, 14:13 
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mit Spezialisierung auf die germanischen Völker, mehr oder weniger zugehörig zu "Was man über Wikinger wissen sollte" und egtl. dafür geschrieben aber ein eigenes Thema Wert

Hier möchte ich die bisherigen Punkte ein wenig vertiefen und verständlicher machen, wie die Menschen damals dachten. Immerhin ist die Denkweise eines Volkes der Schlüssel zu ihrer Kultur und Religion. Das mit dem Kampf und Sicht des Todes habe ich abgehandelt, kommen wir also zu Gastfreundlichkeit, Gleichberechtigung und Toleranz.

Betrachten wir zuerst die WELTLICHE, pragmatische Sicht der Dinge:
Wir müssen uns in ein Volk versetzen, das sozusagen täglich ums Überleben kämpfte. Die Germanen und Wikinger erwirtschafteten selten Überschüsse, oft waren die Winter sehr hart und viele Menschen starben sehr jung an Krieg, Krankheit oder Naturunglücken. Nicht jdes Kind erreichte Erwachsenenalter, manche Frauen starben im Kindbett (wobei das bei den Wikingern weit seltener vorkam als in Mitteleuropa) und es gab einen HAUFEN Arbeit zu tun. Es mussten Häuser gebaut und in Stand gehalten werden, Felder mussten bestellt und geerntet, Fische gefangen, Met gegoren, Holz gehackt, Schiffe mussten gebaut und Dörfer verteidigt werden.
Die "Ressource" Mensch war rar und man konnte nicht genug davon haben. Jeder wurde gebraucht und damit es gut funktionierte wurden die Aufgaben verteilt - die Alten kümmerten sich um Ausbildung der Jungen, die Frauen sorgten für Haushalt und Versorgung, die Männer für Nahrung, Schutz und Bau. Die "Anderen" welche nicht in die Rollenbilder passten wurden kurzerhand in der Magie unterwiesen und wirkten mächtige Zauber, baten die Götter um Hilfe und waren seelischer Beistand für alle - und der war bitter nötig.
Man konnte sich Intoleranz und Fremdenfeindlichkeit nicht leisten - jeder der mit anpacken konnte wurde dringend benötigt, denn zu tun gab es mehr als genug, egal in welchem Bereich.
Egal ob Fremd, Homosexuell oder sonst "anders" jeder wurde dringend gebraucht und konnte einen wertvollen Beitrag zur Gemeinschaft leisten und jeder der das Tat war herzlich als einer der "unsrigen" also des Clans willkommen. Das Gastrecht war heilig, denn der Gast konnte Berichte abliefern oder auch mit anpacken und wenn es ihm gefiel sogar ein Teil der Gemeinschaft werden. Manche Historiker meinen, dass es auch "Schwarze" also afrikanische Wikinger gegeben haben könnte da der Name "Svartr" "ein Schwarzer" bedeutet. Viele meinen das beziehe sich allein auf die Haarfarbe und anhand der Häufigkeit des Namens ist das anzunehmen, es ist aber auch durchaus möglich, dass Schwarze aufgenommen wurden. Auch wenn Schwarzafrikaner im mittelalterlichen Europa selten waren, so waren sie nicht unbekannt und theoretisch könnte es Einzelne solche Wikinger gegeben haben. Spekuliert wird dass Halfdan der Schwarze ein solcher gewesen sein könnte.
Wie dem auch sei, jeder Mensch war wichtig und wertvoll für die Gemeinschaft.
Menschen dagegen die der Gemeinschaft schadeten wurden in Schande weggejagt (bezeichnet als Nidingr - Ehrlose, Abschaum) das waren Diebe, Mörder, Ehebrecher etc.

Warum waren das so schwere vergehen? Mord ist klar - wer ein nützliches paar Hände umbringt schadet der Gemeinschaft gewaltig. Diebe - auch klar, wer egoistisch ist und sich auf Kosten der Gemeinschaft bereichert nimmt eventuell jemandem das Leben der deswegen hungern muss.
Ehebruch? Ich denke dafür muss ich ein wenig ausholen:

Die Rolle der Frau:
Die Gesellschaft der Wikinger lebte in Clans zusammen - grösseren Familienverbünden. Allerdings war den Germanen bzw. Wikingern Inzucht verboten, das galt als Blutschande. (Vermutlich wusste man um die schädlichen Auswirkungen des Inzest aus anderen Kulturen wie etwa den Kelten bei denen Ehen zwischen Geschwistern normal waren)
Also mussten Zwecks Heirat Partner aus anderen Clans genommen werden. Das hatte auch eine wichtige soziologische Bedeutung die ich kurz erklären möchte:
Wie gesagt war die damalige Zeit ewalttätig und Überfälle eines grossen Clans auf kleinere Clans waren üblich - erneut, die Menschen hatten sehr wenig und Überfälle waren eine gute Möglichkeit den eigenen Clan durch den Winter zu bringen und manchmal sogar die Einzige wenn etwa die Ernte sehr schlecht war. Gewalt war also oft die letzte Möglichkeit den eigenen Clan zu retten und so musste jeder kämpfen können um im ernstfall den Clan verteidigen zu können. Auch von Frauen nimmt man an, dass sie als Bogenschützen an den Kämpfen beteiligt gewesen sein könnten (Stichwort Walküre) da man oft Bögen in Frauengräbern gefunden hat - kann aber auch auf Jagd hindeuten.
Jedenfalls war die Bedrohung eines Überfalles stets präsent. Eine Heirat zwischen 2 Clans dagegen sicherte einigermaßen den Frieden. Man wurde ja zu "einer" Familie.
Man nimmt an dass die mythologische Begebenheit des Asen - Wanenkrieges in grauer Vorzeit Realität war und zum Zeichen des Friedens wurden "Geiseln" ausgetauscht und ehen geschlossen (Freya, Freyr und Niörd gingen nach Asgard, Hoernir und Mimir nach Wanaheim) und vermutlich war es so auch zwischen den Clans üblich.
Bei einer Heirat war es üblich, dass die Frau in den Clan des Mannes einzog ABER sie war und blieb den Rest ihres Lebens ihrem Geburtsclan zugeordnet. Ihre Kinder kamen zum Clan ihres Mannes aber sie selbst blieb eine Vertreterin ihres Herkunftsclans.
Damit wurde die Frau zur Botschafterin zwischen den Clans und wurde auch so behandelt. Sie genoss diplomatische Immunität wenn man so will.
Diese reichte sehr weit - ein Mann der seine Frau schlug provozierte damit eine Fehde und mehr als einmal kam es vor, dass eine geschlagene Frau ihren Clan zur Vergeltung aufrief, was viele Tote forderte. Berühmt war in einer Saga die Ohrfeige - in einem Streit gab der Mann, dem die Worte fehlten seiner Frau eine Ohrfeige. Ein paar Tage später wurde der Mann von den Brüdern der Frau erschlagen und eine lange Fehde der Clans begann. Ich betone, er hat sie nicht verprügelt oder echten Schaden zugefügt, es war "nur" eine Ohrfeige.
Das mag auf den ersten Blick sehr barbarisch wirken, doch sehen wir uns die Hintergründe an:

Bedenke - damals gab es keinen Sozialstaat, keine Hilfsorganisationen oder Asylantenheime. Und alleine Überleben war auch so gut wie unmöglich. Der einzige Rückhalt den ein Mensch hatte, die einzige Stütze, die einzige Hilfe auf die er sich verlassen konnte war der eigene Clan. Sollte man krank oder anders Hilfsbedürftig werden würde sich niemand ausser dem eigenen Clan mit Sicherheit um einen kümmern. Man wurde von Kindesbeinen an im Clan erzogen, der ganze Clan war Familie, Freund, Lehrer...der Clan war eng vertraut und wichtig, das ganze Leben hindurch. Nur in der Gemeinschaft des Clans konnte man überleben. Der Clan gab Geborgenheit, Sicherheit, Glück, Freundschaft etc.
Der Clan war die Einzige Versicherung die man hatte - er war Altersvorsorge, Unfallversicherung, Krankenkasse, seelischer Beistand und mehr in einem. Den Clan in Gefahr zu bringen, hiess sich selbst in Gefahr zu bringen.
Es ist nicht schwer nachzuvollziehen, wie wichtig der Clan für das eigene Überleben und die Person war. Die Loyalität galt also dem eigenen Clan.
Wie gesagt bekriegten sich Clans öfter untereinander bis später die Blutfehde verboten wurde und der Holmgang eingeführt, war Blutrache gang und gebe.
Wundert das jemanden? Wie würde man denn heute reagieren wenn jemand die eigenen Eltern / Kinder / geschwister die man liebt umbringt? Eben, und damals war Selbstjustiz zwar ungern gesehen aber - bis in die Wikingerzeit hinein - erlaubt.
Die Ehre des Clans war enorm wichtig für das Überleben des Selbigen. Ein Clan der als stark galt, wurde nicht angegriffen, ein Clan der als Schwach galt war viel öfter Opfer von Überfällen und wurde mitunter ausgelöscht. Ein Clan der seine Ehre verlor wurde von allen gemieden, daher gab es keine Möglichkeit zu heiraten und den Clan zu erhalten etc.
Dementsprechend ernst wurde der Clan genommen. Eine Frau war nun Vertreterin ihres Clans im Clan ihres Mannes - durch die Heirat waren die Clans eine Allianz eingegangen oder zumindest einen Nichtangriffspakt. Wenn nun der Mann seine Frau schlug, schlug er ihren ganzen Clan mit. Wenn er sie demütigte, demütigte er ihren Clan und stellte diesen als unfähig dar die ihren, also sich, zu verteidigen. Ein Ruf der dem ganzen Clan gefährlich werden konnte. Also wurde dieser Akt der Schmähung auch vom Clan gerächt, nicht selten blutig.
Zudem war die Ehe damals ein politisches Instrument - aus Liebe wurde selten geheiratet. Die Loyalität der Frau galt in erster Linie ihrem Clan, dann ihrem Mann, dann ihren Kindern. Beim Manne ebenso.
Wenn ein Ehepartner mit den Taten des Anderen nicht leben konnte, gab es die Möglichkeit sich scheiden zu lassen - dabei kehrte dann die Frau einfach wieder in ihren Clan zurück und der Bund galt als aufgelöst.

Frauen waren der Triebmotor der Politik - sie waren die Verfechterinnen der Tugend welche ihren Männer und Familie zu Tugendhaftigkeit, Sittsamkeit und Ehrfurcht vor den Göttern und deren Gesetzen einbläute, denn deren Ruf war ihr Ruf und damit der ihres Clans. Ein Säufer als Mann? Undenkbar, entweder kommt er zur Vernunft oder sie lässt sich scheiden etc.
Auch ihrem Clan gegenüber zögerte keine Frau ihre männlichen Clansgenossen zu ehrvollem Gebahren aufzurufen und dem Ruf wurde gefolgt.

Weiters galten Frauen als "schwach" - das war ihr grosser Vorteil. Eine "schwache" Person anzugreiffen galt als ein Zeichen eines Nidingr. Und NIEMAND wollte als Nidingr gelten. Es war ja nicht nur mit Austoss aus dem Clan und der Gesellschaft verbunden, man schädigte damit seinen Clan der oft alles war was man hatte, riskierte sein eigenes Leben (allein überleben war sehr schwierig) und war natürlich Gespött - Abschaum. Jemand der einen Schwachen schlug (Kinder, Frauen, Greise aber auch Transvestiten) war ein Nidingr. Ein Mann überlegte also gut ob er seine Frau schlägt oder nicht.
Das Frauen als schwach galten war nicht diskriminierend sondern pragmatisch. Frauen waren kleiner und weniger muskulös als Männer hatten also von Haus aus wenig Chancen gegen einen Mann, zudem wurden Männer von Kindesbeinen an im Kampf unterwiesen, Frauen dagegen im Haushalt. Also hatte der Mann auch sehr viel Kampferfahrung die der Frau fehlte. Das führte soweit, dass eine Frau einen Mann schlagen konnte ohne mit Gegenwehr rechnen zu müssen. Eine Saga berichtet, dass eine Frau an der Seite ihres Mannes kämpfte und 3 Männer erschlug bevor sie entwaffnet werden konnte. Wohlgemerkt, sie wurde nicht verletzt und nicht getötet sondern entwaffnet - die Männer haben ihre Hiebe nur parriert aber nicht zurückgeschlagen.
In Kampfhandlungen konnten Frauen also mit einer gewissen unversehrtheit rechnen was zu ihrer "diplomatischen Immunität" addierte. Männer waren viel vorsichtiger wenn es darum ging eine Fehde auszusprechen als Frauen, die ja nicht um ihr Leben fürchten mussten. Andererseits war es ja auch ihre Aufgabe die Männer an ihre Pflichten und Ehre zu erinnern.

Weiters galten die Brüder ihren Schwestern verpflichtet, mehr als ihren eigenen Frauen. Das Band zwischen Bruder und Schwester war das Engste von allen und wurde etabliert und gestärkt so gut es ging. Auf alle Anderen Mitglieder des Clans war ja nicht zwingend verlass - der Vater bzw.die Mutter starben oft früh, die Kinder wurden nicht immer Erwachsen und entferntere Verwandte hatten oft ihre eigenen kleinen Familien primär zu Versorgen - natürlich hielt der Clan eng zusammen aber die Brüder waren eben am verlässlichsten.
Entsprechend ernst nahmen Brüder die Ehre ihre Schwestern und umgekehrt.

Auch später, als sich Städte und kleine Reiche bildeten umfassten Verbünde selten mehr als 1000 Menschen und die Clanmentalität blieb auch in Reichen verbunden auch wenn sie etwas aufgeweicht wurde. Später wurden Gesetze erlassen um diese Reiche etablieren zu können. Der Holmgang und das Verbot der Blutrache bzw. die "Entschädigungszahlung" an den Clan der Verlust erlitten hatte wurde eingeführt um die Gesellschaftsgefährdende Blutrache zu unterbinden die eine grössere Gemeinschaft unmöglich machte. Eine Blutfehde konnte schnell ausarten - wenn der Mann erschlagen wurde weil er seine Frau schlug, erschlugen seine Verwandten die der Frau um zu zeigen, dass man ihre Leute nicht einfach erschlagen kann und dann rächten die sich wieder und so weiter und so fort...
Bei den Germanen gab es damals die Möglichkeit im Thing Recht sprechen zu lassen wo alle Freien Männer helfen konnten die Fehde zu unterbinden und Entschädigungszahlungen zu verhängen - andererseits waren Clansübergreifende Things eben nur etwa einmal im Jahr und je nach Beginn der Fehde wars bis dahin zu spät. Darum gab es auch Einvigi - ein Duell auf Leben und Tod zwischen den Streithähnen bzw. Vertretern Selbiger. Der Überlebende galt als im Recht und der Fall war offiziell erledigt. Leider führte auch der Tod eines Clansmitgliedes im Einvigi oft zur Blutrache (die ja wie gesagt vor der Wikingerzeit bei den Germanen rechtens war) so dass die Wikinger den Holmgang erfanden - beim Holmgang wurde das Duell 1. auf einer entlegenen Insel mit Auschluss der Öffentlichkeit ausgetragen (also nur die Kontrahenten und Richter) um Einmischung von Aussen zu verhindern sowie "Ausraster" wenn man einen Freund sterben sieht, und zum Anderen wurde der Kampf nur bis zum 1. Blut gekämpft - wer zuerst einen Tropfen Blut auf den weissen Boden tropfte galt als Verlierer des Rechtsstreites. Einvigi und Holmgang waren heilig und galten als Gottesurteile und wurden auch genutzt wenn das Thing unentschieden ausfiel.
Der Clan galt jedenfalls immer als äusserst wichtig.

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Namaste

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"Wo kämen wir hin, wenn jeder fragte "Wo kämen wir hin?" und niemand ginge, um zu sehen wohin man käme, wenn man ginge"

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